Weltwoche, 19.01.2023

Hans-Peter Amrein ist Zürichs ungeliebter Aussenseiter. Ein Ruhestörer, wie er jeder lebendigen Demokratie guttut.

Mit Freundschaften in der Politik ist es so eine Sache. Von 2007 bis 2019 sass Markus Kägi für die SVP im Zürcher Regierungsrat. Jedes Mal, wenn der Baudirektor zur Wahl antrat, gehörte Hans-Peter Amrein zu seinen treuen Unterstützern. Nun möchte Kantonsrat Amrein – während zwanzig Jahren Mitglied der Volkspartei, mittlerweile parteilos – am 12. Februar selber den Sprung in die Zürcher Regierung schaffen. Er fragte deshalb Kägi an, ob dieser ihn zur Wahl empfehle. Kägi gab Amrein einen Korb mit der Begründung, er empfehle nur Kandidaten, die einer Partei angehörten. «Zu meinem Erstaunen musste ich dann feststellen, dass er im Komitee von Mario Fehr sitzt, der aus der SP ausgetreten ist und wie ich parteilos ist», erzählt Amrein.

Immer für eine Überraschung gut
Es ist Montagabend. Hans-Peter Amrein hat ins «Restaurant Stürmeierhuus» nach Schlieren geladen, wo er vom ehemaligen «Arena»-Moderator Reto Brennwald interviewt wird. Nur zwanzig Personen haben den Weg in den Saal gefunden. Das ist schade, denn der 64-jährige Amrein ist ein rhetorisches Ereignis, ein Ruhestörer, wie er jeder lebendigen Demokratie guttut. Ausserdem ist er so dossierfest wie kaum ein anderer Zürcher Kantonsrat.

Mit Verve erklärt Amrein, was er im – laut Umfragen unwahrscheinlichen – Fall seiner Wahl tun würde. Er schwankt zwischen klassischbürgerlichen Anliegen und Aussagen, bei denen unklar ist, wie ernst er sie meint. So verspricht er glaubhaft, als Regierungsrat einen beherzten Kampf gegen den «ungezähmten Ausbau der Verwaltung» führen zu wollen. Gleichzeitig erklärt der Hauptmann a. D. der Schweizer Armee, dass man sich im Kanton vielerorts nicht mehr sicher fühlen könne. Am Bahnhof Rüti habe er Drogendealer beobachtet. Die Polizei müsse subito «mit Hunden einfahren». Hans-Peter Amrein ist der ungeliebte Aussenseiter der Zürcher Politik. Seine Konkurrenten unternehmen alles, um ihn schlechtzureden. Die NZZ schnödet: «Niemand ist vor seinem Empörungsvibrato sicher.» Amrein spricht von einem «Medienboykott» der grossen Verlage. Auch Verbände, deren Mitglied er seit langem sei, verweigerten ihm jede Unterstützung. Er bekomme fast keine Möglichkeit, sich vorzustellen. «Offensichtlich haben sie Angst, dass ich das Kaffeekränzchen störe.»

Amrein versucht, die mangelnde Präsenz mit Werbung auszugleichen. Er hat dafür nach eigenen Angaben schon 300 000 Franken ausgegeben, wie er überhaupt seit Jahren politische Kampagnen grosszügig unterstützt. «Ich bin frei, unabhängig und nur der Sache und der Bevölkerung verpflichtet», sagt der zweifache Vater aus der Goldküstengemeinde Küsnacht, der aus vermögender Familie stammt, als Banker im Ausland arbeitete und heute eine Agentur für Abklärungen bei Wirtschaftsdelikten führt.

Obwohl er sich ausgegrenzt fühlt, will Amrein allen fünf bürgerlichen Kandidaten seine Stimme geben. Um in Amrein-Manier anzufügen: «Der bürgerlichste Kandidat bin ich selber.» Eine Möglichkeit, sich Wählern zu präsentieren, hat er am Freitagabend. Dann besucht er die Albisgüetli- Tagung der SVP – als zahlender Gast, wie er betont, im hinteren Bereich des Festsaals. Am Tisch der Kandidaten von SVP, FDP und Mitte habe es keinen Platz für ihn.

Manch einer der bürgerlichen Albisgüetli-Besucher wird überrascht sein, welche Geschichten Amrein zu erzählen hat. Seine schönste Zeit als Politiker habe er als Ersatzmitglied des Bezirksrats Meilen gehabt, weil er in dieser Funktion die Heime der Region besuchen durfte, was er als bereichernd empfunden habe. Als politische Vorbilder nennt er die Sozialdemokraten Otto Stich und Helmut Schmidt. Der Mann ist immer für eine Überraschung gut. Der Zürcher Wahlkampf wäre ärmer ohne ihn.