Landbote, 06.01.2023

Der Sprachleitfaden sei Sache der Hochschule, so der Regierungsrat. In einem wichtigen Punkt widerspricht er der ZHAW jedoch.

Müssen ZHAW-Studierende gendergerecht schreiben? Der Sprachleitfaden der Hochschule treibt die Politik um. Der Sprachleitfaden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat im vergangenen Jahr wiederholt für Aufregung gesorgt. Die Empfehlungen zu gendergerechter und inklusiver Sprache – zum Beispiel «fachkundig» statt «fachmännisch» und «People of Color» statt «Farbige» – stiessen teilweise auf grosse Ablehnung. Auch in der Politik. Im Kantonsrat wurden zwei Anfragen dazu gestellt, im Nationalrat ebenfalls eine. Besonders stossend für die Gegner des Sprachleitfadens: Je nach Dozent kann dieser auch notenrelevant sein.

Nun hat der Zürcher Regierungsrat die zwei Kantonsratsanfragen beantwortet. Er stärkt dabei grundsätzlich der ZHAW den Rücken: «Die ZHAW besorgt ihre Angelegenheiten innerhalb des rechtlichen Rahmens selbstständig», schreibt der Regierungsrat. Dazu gehören auch Massnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter – wie der Sprachleitfaden. Die Kriterien für die Noten seien ebenfalls Sache der Hochschule.

«Vorgaben zur Verwendung einer gendergerechten Sprache sollen nicht noten- oder leistungsrelevant sein.»

Trotzdem widerspricht der Regierungsrat der ZHAW-Praxis, wonach Dozenten selbstständig entscheiden können, ob nicht gendergerechte Sprache zu Notenabzügen führt. «Der Regierungsrat ist der Ansicht, dass Vorgaben zu der Verwendung einer gendergerechten Sprache nicht noten- oder leistungsrelevant sein sollen.» Die Anwendung des Leitfadens «zieht somit weder eine bessere oder eine schlechtere Bewertung» nach sich. Gibt der Regierungsrat der ZHAW also einen neuen Kurs vor? Bei der Bildungsdirektion kann man die Frage nicht abschliessend beantworten, geht aber davon aus, dass es sich um eine unverbindliche Meinung des Regierungsrats handle. «Die Notengebung liegt grundsätzlich in der Kompetenz der ZHAW.» Gleich versteht das auch der Winterthurer Kantonsrat René Isler (SVP). Er hat eine der beiden Anfragen zusammen mit dem Wiesendanger Kantonsrat Martin Hübscher (SVP) und der Bülacher Kantonsrätin Romaine Rogenmoser (SVP) eingereicht. Die zweite Anfrage kam vom parteilosen Küsnachter Kantonsrat Hans-Peter Amrein. Der Regierungsrat stärke mit seiner Ansicht zwar ihr Anliegen, so Isler. «Wirklich Farbe bekennt er aber nicht.»

Verweis auf Rekursmöglichkeit

Ob die SVP-Kantonsräte das Thema weiterverfolgen würden, könne er noch nicht sagen, so Isler. «Das müssen wir in der Fraktion besprechen.» Für ihn ist aber nach wie vor klar: «Wenn jemand eine gute Arbeit schreibt und das Gendern vergisst, ist es nicht fair, deswegen eine schlechtere Note zu geben.» Die ZHAW gibt auf Anfrage an, dass man an der Praxis festhalten werde. «Die Festlegung von Bewertungskriterien und deren Gewichtung ist Sache der Dozierenden», schreibt die Hochschule. «Dies hat der Regierungsrat bestätigt.» Bedingung sei einzig, dass die Bewertungskriterien «nachvollziehbar, sachlich begründet und für alle gleich» seien.

Für Betroffene, die das anders sehen, gibt der Regierungsrat in seiner Antwort eine Anleitung: «Die Studierenden haben die Möglichkeit, die Bewertung bei der Rekurskommission anzufechten», schreibt der Regierungsrat. «Dabei können sie geltend machen, dass es sich um ein sachfremdes Bewertungskriterium handelt oder dass es zu stark gewichtet wurde.» Bislang habe es keine solchen Fälle bei der Rekurskommission gegeben.