«Das ist Fünftliga-Fussball!»: Der frühere SVP-Politiker Hans-Peter Amrein will Küsnachter Gemeindepräsident werden

nzz.ch, 01.02.2026

Der Amtsinhaber von der FDP hält wenig von den unzähligen Attacken seines Kontrahenten. Die Wahl in der Goldküstengemeinde dürfte spannend werden.

Markus Ernst gegen Hans-Peter Amrein: Küsnacht blickt kontroversen Wochen entgegen.
Markus Ernst gegen Hans-Peter Amrein: Küsnacht blickt kontroversen Wochen entgegen.
Karin Hofer / NZZ

In Küsnacht wird am 8. März ein neuer Gemeinderat gewählt. Die heisse Phase des Wahlkampfs dürfte interessant werden. Hans-Peter Amrein, früherer Kantonsrat der SVP, der sich mit seiner Fraktion mehrfach überworfen hat und vor vier Jahren schliesslich aus der Partei ausgetreten ist, kandidiert als Gemeindepräsident. Er fordert den langjährigen Amtsinhaber heraus, Markus Ernst von der FDP.

Die beiden Politiker haben eines gemeinsam: Beide wollten einmal Zürcher Regierungsrat werden. Ernst unterlag 2022 in der parteiinternen Ausmarchung Peter Grünenfelder, dem damaligen Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse, der die Wahl dann seinerseits verpasste. Amrein trat als Parteiloser an und wurde ebenfalls nicht gewählt.

Der Kandidat greift an

Abgesehen davon verbindet die beiden Küsnachter nicht allzu viel. Im Gegenteil: Amrein zielt in seinem Wahlkampf direkt auf den Mann. Küsnacht laufe Gefahr, seine Stärken zu verlieren. «Schuld daran sind die Seilschaften um den bisherigen Gemeindepräsidenten.» Das Dorf brauche neue, unabhängige Kräfte. Das schreibt der 67-Jährige in der Wahlbeilage des «Küsnachter Boten», die am vergangenen Donnerstag verschickt wurde.

Hans-Peter Amrein, parteiloser Kandidat für das Gemeindepräsidium.
Hans-Peter Amrein, parteiloser Kandidat für das Gemeindepräsidium. PD

Im Gespräch mit der NZZ sagt Amrein: «Ernst war ein guter Gemeindepräsident – als er vor zwölf Jahren das erste Mal ins Amt gewählt wurde.» Aber in den letzten beiden Amtsperioden habe er sich verändert. Der Gemeindepräsident führe die Exekutive wie ein Regiment, nicht wie ein Kollegium. Der FDP-Mann umgebe sich mit Ja-Sagern, er habe den Kontakt zur Bevölkerung zum Teil verloren. Viele Leute hätten genug von der «Markus-Ernst-Show», sagt Amrein.

Er hingegen wolle ein demütiger Präsident sein, der den Menschen zuhöre und sie einbinde, statt einfach durchzuregieren. Er, Amrein, sei durchaus teamfähig, das habe er in Kantonsratskommissionen bewiesen. Und überhaupt: Die FDP sei übervertreten, findet Amrein. Die Partei stellt vier von sieben Gemeinderäten – für den parteilosen Kandidaten Grund genug, sich als Mann des Volkes zu präsentieren: «Ich habe sehr viel Unterstützung im Ort. Die Leute sagen zu mir: ‹Du bist der Einzige, der im Moment gegen den amtierenden Präsidenten antreten kann und dem wir vertrauen.›»

FDP-Filz?

Amrein allein gegen die mächtige FDP, David gegen Goliath in Küsnacht. In dieses Bild passt auch folgende Episode: Im «Küsnachter Boten» erschien am Donnerstag ein Leserbrief mit dem Titel «Beschwerden statt Lösungen». Die Zuschrift nennt keine Namen, aber in der Seegemeinde dürfte vielen klar sein, wer mit folgenden wenig vorteilhaften Zeilen gemeint ist: Hans-Peter Amrein. «Heikel wird es, wenn ein Kandidat vor allem mit Konfrontation auffällt: Vorwürfe, Rekurse, Einzelinitiativen. Ein Präsident sollte Spannungen entschärfen, nicht verstärken», heisst es in dem Leserbrief. Und weiter: «Von einer Person für ein Spitzenamt erwarte ich Selbstbegrenzung.»

Der frühere SVP-Politiker und einstige Präsident der Ortspartei hat sich in den vergangenen Jahren als Stachel im Fleisch der Gemeinde erwiesen. Sagen seine Anhänger. Seine Gegner halten ihn für einen Querulanten: Seit Jahren deckt Amrein die Küsnachter Lokalpolitik mit Initiativen, Verfahren und Rekursen ein, unterschreibt Rundschreiben gegen den Gemeindepräsidenten, zieht unliebsame Entscheide der Verwaltung weiter, so auch im vergangenen Mai, als er seine Beschwerde gegen automatische Kontrollen von Fahrverboten auf zwei Durchgangsstrassen im Ort ans Statthalteramt des Bezirks Meilen weiterzog – und recht bekam. Der Fall liegt nun vor dem Zürcher Verwaltungsgericht.

Für Amrein steht fest: Bei dem Leserbrief handelt es sich um eine perfide Attacke der FDP gegen ihn – geschrieben habe den Brief nämlich ein Parteimitglied, ohne diese Verbindung im «Küsnachter Boten» offenzulegen. Und da habe Markus Ernst sicher seine Finger im Spiel gehabt. «Das ist Fünftliga-Fussball!», sagt Amrein, «FDP-Filz!»

Der Präsident kontert

Der Brief stammt tatsächlich von einem Küsnachter FDP-Mitglied. Gemeindepräsident Markus Ernst hingegen betont: Er habe nichts davon gewusst, er habe erst aus der Zeitung von dem Schreiben erfahren. Zu Amreins Behauptung, dass er dahinterstecke, hat der 53-Jährige eine klare Meinung: «Das ist eine absurde Unterstellung!», sagt der Amtsinhaber hörbar verärgert.

Markus Ernst, Amtsinhaber der FDP.
Markus Ernst, Amtsinhaber der FDP. PD

Auch die weiteren Angriffe gegen ihn und seine Partei will der Küsnachter Gemeindepräsident nicht unpariert lassen. Fehlende Bürgernähe? Der Gemeinderat habe sämtliche Vorlagen der vergangenen Legislatur durchgebracht, ob an der Gemeindeversammlung oder an der Urne, sagt Ernst. Er wisse sehr genau, was die Dorfbevölkerung beschäftige, zum Beispiel Südstarts vom Flughafen Zürich über die Goldküste. Oder gemeinnütziger Wohnungsbau, «in Küsnacht seit Jahren eine Selbstverständlichkeit», sagt der FDP-Politiker.

Stramme Führung? «Jeder der sieben Gemeinderäte ist für seine Geschäfte selber verantwortlich – auch wenn Herr Amrein mir nur zu gerne für alles die Schuld gibt, was aus seiner Sicht alles schiefläuft im Ort.» Richtig sei: Die Küsnachter seien sehr zufrieden mit Politik und Verwaltung. Das Dorf funktioniere.

Übermacht der FDP? «Ohne uns könnten viele Ämter gar nicht besetzt werden. Die Stimmbevölkerung hat offenbar Vertrauen in die Vertreterinnen und Vertreter unserer Partei.» Die linken Parteien haben niemanden aufgestellt für den Gemeinderat. Hans-Peter Amrein könne man zugutehalten, dass er sich zur Wahl stelle, sagt Ernst. «Auch wenn er wahrscheinlich nicht glauben kann, dass viele im Dorf sein Verhalten nicht goutieren.»

Ob er ein Duell mit seinem Widersacher annehmen würde vor der Wahl am 8. März? Markus Ernst sagt: «Selbstverständlich.» Hans-Peter Amrein teilt mit, dass er tatsächlich darüber nachdenke, seinen Gegner zu einem Podium herauszufordern. Bis jetzt ist eine solche Veranstaltung in Küsnacht nicht geplant.